Es gibt sie, diese Begegnungen mit Menschen, die einem im Kopf bleiben. Und unser Zusammentreffen mit Erhard gehört ganz klar dazu. Mit seinen 86 Jahren ist er so rüstig, wie manch 68-Jähriger es nicht mehr ist. Und nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Er fährt noch selber Auto, kauft ein, trifft sich mit Freunden und treibt Sport, viel Sport. Er kümmert sich um seine Frau, die er 1954 heiratete und mit der er zwei Töchter hat. Vor Kurzem erkrankte sie an Altersdemenz, etwas, mit dem man erst mal umgehen zu lernen muss, erklärt er. "Ich hatte erst Schwierigkieten zu verstehen, was meine Frau hat. Die Schulkollegin meiner jüngeren Tochter ist Ärztin und diese erklärte mir dann, dass es Demenzerscheinungen sind. Wenn der eigene Partner sich verändert, erfordert es viel Geduld und Zeit, damit umzugehen, so vergehen schnell mal zwei bis drei Jahre."

Auf der Suche nach einem Senioren-Fotomodell sprechen wir Erhard beim Boni Supermarkt in Witten auf dem Parkplatz an. Freitags, so merkten wir beim Mittagessen in der Fischstube, sind dort viele Senioren. Auf die Frage, ob er nicht Lust hätte, bei unserem Fotoshooting mitzumachen, willigt Erhard nicht direkt ein, sondern möchte uns verständlicherweise erst einmal kennenlernen. Doch schon da merken wir, dass wir den Richtigen angesprochen haben.

Zwei Wochen später treffen wir uns in unserem Büro. Er ist mit seinem Auto gekommen, Parkplatzsuche, alles hat super geklappt. Begeistert schaut er sich bei uns im Büro im Entrepreneurship Zentrum Witten um. Wir sprechen über unser Projekt, über das, was wir vorhaben, sein Leben, seine Erkenntnisse. Er war selbst Geschäftsführer, hat im Chemieanlagenbau ein Unternehmen aufgebaut, von null bis zuletzt auf einen Umsatz im dreistelligen Millionenbereich, D-Mark, so betont er. Doch der Anfang seiner Karriere war alles andere als einfach. "Nach dem Krieg hatte ich Schwierigkeiten, mein Studium zu beginnen und die Voraussetzungen dafür zu erfüllen. Der Krieg war ja grad erst zu Ende. Aber wenn man sich reinhängt, dann kann man das schaffen." Und genau hier merken wir, Erhard wird für uns mehr sein, als ein Fotomodell.

Wir spielen Tischtennis im Zentrum, er spielt verdammt gut, seine Schläge sind hart und knifflig zu retournieren. Erhard mustert professionell den Belag des Schlägers. Wir sprechen über den Krieg. "Am meisten hat mich bewegt, dass ich drei Luftangriffe mitgemacht und lebend überstanden habe. Dann erlebt man solche verrückten Dinge wie, dass alles um einen herum in Trümmern liegt und dass man plötzlich da steht mit nicht mehr als einer Hose, ein paar Strümpfen, einem Paar Schuhen, einer Jacke und einem Pullover." Für unser Team nur schwer vorstellbar, wie das sein muss. Doch zum Glück gab es auch viele schöne Momente in Erhards Leben. Die Geburt seiner beiden Töchter spricht er an. Bereuen tut er nur, dass er zu wenig da war für die Kinder, da er viel im Ausland auf Geschäftsreisen war. Diese Zeit holt er mit seinem Enkel nach, eine Zeit, an die sich beide gern erinnern.

Noch während unseres Gesprächs im Zentrum sagte er zum Fotoshooting zu. Zwei Wochen später findet es statt. Erhard ist gekonnt professionell, obwohl es sein erstes Fotoshooting ist. Er macht geduldig alle Szenen mit, springt die kleine Mauer im Garten runter. Findet Gefallen am Austausch mit unseren weiblichen Fotomodellen. Schnell vergisst man sein Alter. Erhard ist Jahrgang 1930, ja 1930! Szenen, in denen wir Erhard als hilfsbedürftiger darstellen wollen, als er eigentlich ist, missfallen ihm, verständlicherweise. Schließlich hat er doch sein ganzes Leben lang keine Tabletten eingenommen und tut alles, um fit zu bleiben. Er lässt sich nur ungern die Schuhe von unserer Helferin zubinden, doch macht geduldig alles mit.

Seine Fitness begeistert uns. "Ich spiele heute noch Volleyball, Tennis und Tischtennis. Außerdem habe ich einen Freund, den ich seit 60 Jahren kenne, mit dem ich jede Woche zum Bowling gehe." Als wir ihn fragen, wie das mit dem Sport im Alter noch so klappe sagt er: "Ich habe keine Probleme beim Sport, außer ältere Mitstreiter zu finden, die da mitmachen. Die sind alle 20 Jahre jünger als ich und können schnell nicht mehr. Ich sage mir dann 'Irgendwie hast du dich gut gehalten, mach weiter!' Mehr sage ich nicht, nur: 'Mach weiter'."

Es ist diese Lebensenergie, die uns begeistert. Neugierig fragen wir Erhard nach seinem Erfolgsrezept für das Leben: "Nicht überheblich, sondern zufrieden sein. Man sollte auch nicht traurig sein, wenn mal etwas nicht klappt. Selbst, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant, hat man am Ende an Erfahrung gewonnen. Das muss man als Erfolg betrachten. So steckt man selbst die unschönen Erfahrungen ganz anders weg. Das ist das, was ich im Leben gelernt habe."

Ein paar Tage nach dem Shooting treffen wir ihn wieder im Zentrum, zum Anschauen der Fotos. Sie gefallen ihm und das macht uns glücklich. Er ist auf dem Weg in den Urlaub, doch verspricht danach wieder zu kommen, zum Tischtennisspielen. Wir sagen. "Mach weiter, Erhard, Du begeisterst uns!"


Das Interview führte Sarah Spott.